Ein
Zirkus, der ging pleite,
in der kleinen Stadt,
wo man dafür heute
das Fernsehen hat.
Da Hessen hier 'nen Affen,
der Käfig war parat,
man konnte ihn begaffen,
da lebte er vom Staat
Dieser Gorilla
Dies ist nicht etwa ein simples Ge-
dicht, sondern die erste Strophe einer
Moritat. Sie stammt aus dem letztjäh-
rigen Programm der « Berner Bänkel-
sänger» doch nicht alle Lieder der
Gruppe enthalten einen so aktuellen
Text, im Gegenteil. Die Berner Bänkel-
sänger legen grossen Wert auf Tradi-
tion und singen deshalb meist original
alte Moritaten. |

Immer guter Laune
sind die drei Berner Bänkelsänger Dorothea Walther,
Peter Hunziker und Peter Steiger (von links). |
| Lange Ahnengalerie
Bänkelsänger können auf eine lange
Ahnengalerie zurückblicken. Die Ur-
form der Moritat ist die «Newe zeit-
tung» des 15. und 16. Jahrhunderts.
Auf einem Podestoder Bänkel ste-
hend, trugen die Sänger ihre Balladen
vor. Sie verbreiteten mit ihren biedern
das, was die heutige Sensationspresse
und die « Regenbogenerzeugnisse »
schildern. Es war für das damalige
Volk, das weder schreiben noch lesen
konnte, die einzige Möglichkeit, über
das neueste Geschehen informiert zu
werden. Die Moritaten vermittelten
den Bürgern und .Dorfbewohnern
einen Hauch der weiten ihnen unbe-
kannten Welt.
Von der Obrigkeit waren die Bän-
kelsänger nicht gerne gesehen. So ver-
bot Kaiserin Maria Theresia kurzer-
hand die « Wiener Liederwaiber» und
die Verlautbarung der Hamburger Po-
lizei aus dem Jahre 1819 ,zeigte eine
ähnliche Gesinnung: » . .. da das Um-
hertragen von skandalösen Liedern,
das Ausrufen und Absingen von Ab-
bildungen grauser Mordszenen unsitt-
lich ist und den bestehenden Gesetzen
widerläuft . . . »
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Bewilligungspflichtig
Normalerweise übte die Obrigkeit
nur eine Zensur der Texte aus, mussten
doch sämtliche Liederheftchen der Po-
lizei vorgelegt werden und durften nur
mit dem obrigkeitlichen Bewilligungs-
stempel versehen verkauft werden.
Möglicherweise stammt das Wort
«Moralität» vom französischen «mo-
ralite» (Moral wegen des oben ge-
nannten Moralstempels) ab. Ebenfalls
möglich wäre, dass es von dem Rot-
welschen Wort «more» = Lärm,
Schrecken, Furcht abgeleitet wurde.
Die Moritat wurde in vierfacher
Weise angeboten. Als Liedgesang, Pro-
sabericht, bildliche Darstellung und
gedruckte Wiedergabe. Als erstes wur-
de die Handlung erzählt. Auf einer Ta-
fel waren die Szenen gemalt und der
Sänger zeigte mit einem Stock auf das
jeweilige Bild. Als zweites kam der Ge-
sang mit der gekürzten Fassung des
Prosatextes. Untermalt wurde der Ge-
sang von Drehorgelklängen
Heute wirken die damals durchaus
ernst gemeinten Bänkelballaden fast
stets unfreiwillig komisch. Dabei gab
es schon immer Moritaten, die als Pa-
rodien geschrieben wurden. Vor allem
um die Jahrhundertwende kamen an
den Biertischen von Studenten, Litera-
ten- und Beamten-Verulkungen der
Bänkellieder auf.
Anfangs des 20. Jahrhunderts lies-
sen Brettl und Kabarett die satirischen
Bänkelsänger-Moritaten wieder aufle-
ben, Wedekind, Ringelnatz, Klabund,
Kästner und Brecht, jeder wiedergab
auf seine Weise den Moritätenton und
die vereinfachende Schwarzweissmale-
rei: « . . .denn die einen sind im Dun-
keln und die ändern sind im Licht . . .»
Bänkelsänger waren Reisende,
Wandergesellen, Fahrende und Jahr-
marktschreier, die so ihren Lebensun-
terhalt finanzierten. Seit der Erfindung
des Buchdruckes boten herumziehen-
de Sänger sogenannte Einblattdrucke
mit den neuesten Ereignissen auf
Messen und Märkten an. |
Die Berner Bänkelsänger
Peter Hunziker darf als der einzige
Schweizer original Bänkelsänger be-
zeichnet werden. In langer Arbeit hat
er die alte Tradition studiert, original
Texte aufgearbeitet und alte Drehor-
geln restauriert. Kostüme, Lieder, Tex-
te alles stimmt mit der damaligen Zeit
überein. Sogar die Bilder sind original-
getreu. Ein Bühnenbildner hat die
alten Vorlagen studiert und Nachbil-
dungen angefertigt. Am Schluss seines
zweistündigen Programms trägt er
auch eigene, aktuelle Lieder zu original
Melodien vor. Die Texte wurden, wie
damals, aus dem Leben gegriffen.
Peter Hunziker tritt meist mit seinen
Kollegen Peter Steiger und Dorothea
Walther zusammen auf. « Manchmal
spiele ich auch alleine, doch zusammen
macht es viel mehr Spass», so der Sän-
ger. Früher war er oft in den Gassen zu
hören, «doch das geht heute nicht
mehr. Die Leute sind immer in Eile
und nicht fähig längere Zeit stehen zu
bleiben und unserem Vortrag zu lau-
schen. Deshalb spielen wir jetzt vor-
wiegend in Kleintheatern. Daneben
besuchen wir auch Festivals. Diese
wurden in letzter Zeit immer grösser -
oft auch zu gross.» |